#WETOO – SINNLEERE MACHTRITUALE IN STAMS UND EIN SPORTPOLITIKER, DER FÜRS RAUCHEN KÄMPFT…

 

Nachbeben der #metoo-Eruption haben dank einer couragierten Frau tiefschwarze Wirklichkeiten aus dem Innersten des Spitzensports ans Licht gespien. Sichtbar für alle, nicht nur am Verhalten einzelner Verantwortungsträger: Macht und Missbrauch hatten und haben im Spitzensport System. Das war zu meiner Anfangszeit in Stams Normopathie-Alltag. Kaum lichten sich die Rauchschwaden über dem eingestürzten pseudo-heilen Teil unserer Skiwelt, wird in Österreich vielleicht ausgerechnet der Mann oberster Sportpolitiker, der soeben ein Gesetz zum Schutz der Gesundheit von Nichtrauchern gekippt hat.

Wer es terminlich einrichten konnte, kam auch. Ehrensache! Jubiläumsfeier 50 Jahre Skigymnasium Stams: Wie ich, waren auch viele andere prominente Ex-Stamser noch einmal an jenen Ort gereist, an dem sie den Großteil ihrer Schulzeit und die sensible, prägende Phase ihrer Pubertät verlebt hatten. Und alle kamen durchaus aus Dankbarkeit und Verbundenheit: Denn die Basis dafür, dass wir Absolventen irgendwann später als AthletInnen auf der Weltbühne des Sports einen persönlichen Beitrag zur Stamser Medaillenbilanz (96 Medaillen bei Olympischen Spielen, 216 bei Weltmeisterschaften) leisten konnten, haben wir alle mit auch der Institution Stams zu verdanken. Die Feier war schön. Quasi wie ein multigenerationelles Klassentreffen von Spitzensportlern.

Es Zeiten, da löste der Satz „Ich war im Skigymnasium Stams“ Bewunderung aus. Nach den medialen Enthüllungen, würde man für denselben Satz wahrscheinlich irgendetwas zwischen Mitleid, Befremden und allenfalls voyeuristischem Interesse ernten. Stichproben in die Vergangenheit, in die eigene Biografie, fördern oft etwas zutage, das im Nachhinein kaum mehr zu begreifen ist, auch wenn es längst als Episode in der Erinnerung unter dem Titel „War halt damals so“ gut abgelegt ist. Ich habe selbst einige Zeit gebraucht, um das in mir zu ordnen.

#wetoo JA, es gab sie, diese demütigenden und entwürdigenden Rituale, Pastern und ein paar andere – aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbare – brutale Machtdemonstrationen der Älteren, Kräftigeren, Mächtigeren gegenüber Jüngeren, Schwächeren, Ohnmächtigen. Diese Unterwerfungsrituale waren Internatsalltag, keine Einzelfälle. Einzelfall wäre eher, wenn es tatsächlich jemand nie mitbekommen oder nicht selbst verspürt haben sollte. So wurde, in Stams und wohl auch in anderen Internaten, die Rangordnung hergestellt – und weil wir ja Täter und Opfer gleichermaßen waren, stiftete die Geheimhaltung auf eine Art und Weise auch die Verschworenheit einer Schicksalsgemeinschaft. Gegen Ende meiner Zeit in Stams, so hatte ich jedenfalls den Eindruck, trug das Engagement des damaligen Heimleiters gegen die Art von Übergriffen Früchte und Pastern als Ritual war abgeschafft.

Jetzt, knapp 30 Jahre später, wird Bewusstseinsarbeit geleistet. Das ist gut, richtig und wichtig. Spät ist besser, als gar nie. Wie notwendig und überfällig die kritische (Selbst-) Reflexion zur menschlichen Umgangskultur im Sportsystem ist, hat nicht zuletzt der Umgang einzelner Verantwortungsträger mit der Situation bewiesen. Für die zwanghafte Form der Aufgabe eigener Individualität zugunsten der Zugehörigkeit und Uniformität gibt es übrigens einen eigenen Fachbegriff: Normopathie. Das Phänomen, das wir Menschen unter gewissen Bedingungen Dinge als „Normalität“ akzeptieren, die weder normal noch akzeptabel sind.

Das ist nichts, was nur frühere Machtrituale halbwüchsiger Internatsschüler beträfe. Nein: Rituale gibt es überall, wo Zusammengehörigkeit nach innen und die Unterscheidung nach außen bedeutsam sind, als wesentlichen Teil der Identitätsstiftung von Gruppen. Insofern: Es kann nicht schaden, Rituale kritisch zu prüfen, ob sie noch zu Wertvorstellungen und in die neue Zeit passen – aber es kann vielleicht Schaden verhindern.

Rauchen ist auch ein Ritual, das früher normopathische Wirklichkeit war und heutzutage keiner kritischen Prüfung mehr standhält. Ich bin gegen Raucher-Pashing, weil es ja den Betroffenen dieser grauslichen Sucht nicht hilft, aber ich freue mich aufrichtig mit jedem, dem es gelingt, sie zu überwinden – glücklicherweise passiert das in meinen Seminaren recht häufig. Man sollte meinen, dass 13.000 auf das Rauchen zurückzuführende Tote pro Jahr in Österreich und das damit verbundene Leid selbsterklärend seien. Erst kürzlich bin ich nach einem Vortrag in Linz für eine Besprechung durch den Raucherbereich eines Lokals hindurch in den abgetrennten Nichtraucher-Bereich gegangen, noch auf dem Stand, dass Räucherschleusen dieser Art ab 2018 der ewiggestrigen Vergangenheit angehören würden.


Jetzt haben die künftigen Regierungsparteien das bereits beschlossen gewesene Gesetz zum Nichtraucherschutz in Lokalen gekippt! Der Missbrauch (politischer) Macht hat viele Gesichter und eines davon ist, Missbrauch an Menschen – jenen, die in der Gastronomie arbeiten und jenen, die sich dort als Nichtraucher wohlfühlen wollen in dem Fall – einfach zu dulden, beziehungsweise diesem sogar Vorschub zu leisten. Dass just jener Politiker, der sich angesichts dieses Missbrauchs auch noch hinreißen ließ, diesen als politischen Erfolg und gute Lösung für alle zu feiern, laut Medienberichten bald höchster Sportpolitiker des Landes sein könnte – ich fürchte so viel Humor haben nicht einmal wir Österreicher, um dieses Kabarettprogramm lustig zu finden.

Zeit, es jetzt gegen Ende doch noch besinnlich werden zu lassen und die Aufmerksamkeit auf die vielen sinnerfüllten Begegnungen in diesem Jahr zu lenken. Ich möchte mich bei euch, bei den vielen Menschen bedanken, mit denen ich heuer in meinen Vorträgen und Workshops und in unseren Seminaren und Unternehmenstrainings ein Stück des Weges gemeinsam gehen durfte. Wir bleiben in Verbindung: Lasst uns so gut es uns möglich ist Vorbild durch vorleben bleiben und weiter versuchen, mit Freude einfach unser Bestes zu geben.

In diesem Sinne: Nützt die besinnliche Zeit, für Rückblick und Ausblick, setzt euch neue, engagierte Ziele für eure persönliche Weiterentwicklung und gönnt euch in diesen ruhigen Tagen möglichst viel von euch selbst.

 

Schöne Weihnachtszeit, viel Gesundheit und Glück und bis bald im Jahr 2018!

Euer Felix Gottwald

 

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