SCHNELLER, HÖHER, LEIDER: DIE DOPING-DOPPELMORAL

Was ist der Unterschied zwischen dem Dopingfall eines österreichischen Langläufers bei den Olympischen Spielen und jedem x-beliebigen Skandal in der österreichischen Politik oder Wirtschaft? Genau: Es gibt keinen. Korruption, Spekulation, Manipulation oder Doping: Wenn nach einem Skandal wieder ein Sturm der Entrüstung durch Österreich fegt (ganz windstill ist es bei uns ja nie), das Epizentrum liegt immer im Gebiet individueller Eitelkeit, Gier und Angst. Dort entsteht die Idee, wonach der eigene Zweck auch die verbotenen Mittel heiligt.

Ein häufiger und irgendwie auch tragischer Irrtum: Denn das Schöne am Erfolg für uns liegt ja im Zurücklegen eines Weges, nicht im Erreichen eines Zieles. Abkürzer, die auf Betrug aufbauen, sind also nicht nur ein Irrweg, sondern auch ein Umweg. Die Frage ist: Warum haben die jämmerlichen Bilder aufgeflogener und öffentlich geächteter Politiker, Manager oder Sportler nicht mehr abschreckende Wirkung?

Weil sich unsere Hochleistungsgesellschaft schon viel zu lange, viel zu schnell, viel zu weit in eine Sackgasse bewegt. Unser System baut auf einem Grundsatz auf: „Mehr ist besser als weniger!“. Dazu werden wir erzogen, darauf läuft letztlich alles hinaus – mehr Geld, mehr Macht, mehr Besitz, mehr Leistung, mehr Erfolg, mehr Beachtung. Hauptsache: mehr. Weil dieses unbegrenzte Wachstum natürlich nicht immer uneingeschränkt möglich ist, hat sich zur wichtigsten Überzeugung von „Mehr ist besser als weniger!“ noch eine weitere hinzugesellt: „Schein ist wichtiger als sein!“. Beides miteinander rückt das gesunde Prinzip organischen Wachstums in den Hintergrund, darin liegt die Doppelmoral der Doping-Gesellschaft. Der Weg des geringsten Widerstandes, unlautere Abkürzer zum Erfolg sind – ob wir uns darüber ärgern oder nicht – die Schattenseiten unseres Leistungsdiktats. Nicht mehr und nicht weniger.

Doping-Fälle im Sport schmerzen deshalb so besonders, weil wir uns alle den Sport gerne als Gegenkraft zu unsauberen Praktiken in Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen wünschen würden. Ist er teilweise (noch) und ist er – leider! – teilweise nicht (mehr). Sport ist ein Teil der Gesellschaft. Es bildet sich dort genau dasselbe ab, wie überall anders auch. Die Vorzugsaktien der Hypo, die Derivatgeschäfte Salzburgs, die Korruptionsfälle in Konzernen, das Finanzdesaster im Burgtheater, der Fall Dürr – die Skandale haben immer dieselbe Grundstruktur. Die Einnahme verbotener Substanzen und / oder Nutzung verbotener Methoden zur Steigerung oder zum Erhalt von Leistung nennt man: Doping.

Nehmen wir die Medikamentenschwemme der Pharmaindustrie bis in die österreichischen Nachtkastln: Doping ist kein sportspezifisches Phänomen, sondern ein generelles gesellschaftliches Problem. Es fängt bei der Schmerztablette an, um den Arbeitstag zu überstehen, geht über völlig sinnlosen, teuren und mitunter fahrlässigen Konsum synthetischer Nahrungsmittelergänzungen bis zur Betäubung von gesunden Signalen des Körpers durch chemische Keulen und entbehrliche chirurgische Interventionen: Die Illusion, mehr leisten zu müssen und durch „zusätzliche Hilfe von außen“ auch mehr leisten zu können ist – und das darf man in der Diskussion nicht vergessen – auch ein Milliardengeschäft.

Umso bedauerlicher sind Dopingfälle im Sport! Der Schaden, den sie anrichten, geht über körperliche Spätfolgen und kaputte Karrieren hinaus: Doping beschädigt Glaubwürdigkeit und Identifikationskraft des Sports. Gesunde Lebensweise, körperliche Aktivität, die Balance zwischen Belastung und Erholung, Werte wie Fairness, Teamgeist, Ausdauer, Disziplin, Konsequenz – nur sauberer Sport und wahrhaftige AthletInnen können diese für uns als Gesellschaft so wichtigen Einstellungen glaubwürdig übertragen.

Übertragen wird – das passt ins Bild der Doping-Gesellschaft – meist nur die Verausgabungsmetapher des Spitzensports. Weil sie dem Leistungsdiktat dient. Wir sehen Athleten, die sich bis zur völligen Erschöpfung verausgaben. Wir sehen nicht deren jahrelangen Trainingsaufbau und das Maß an Regeneration, das überhaupt Spitzenleistungen ermöglicht. Ich selbst bin in meiner Karriere tausende Male gefragt worden, wie viele Stunden ich trainiere – aber kein einziges Mal in 18 Jahren, wie viele Stunden ich mich meiner Regeneration widme.

Doping, Schmerzmittel, physische Verletzungen als Schutzreaktionen auf psychische Erschöpfung und Überforderung – solange der Spitzensport Anleitungen zur Totalverausgabung im Dienste von „schneller, höher, weiter um jeden Preis“ vermarktet, leistet er der Doping-Doppelmoral Vorschub. Solange die Reduktion auf Leistungsdaten von Menschen dominiert und solange Leistungsträger mit Firmenlogos zugekleistert werden, bis von ihrer Individualität kaum noch etwas wahrnehmbar ist, wird sich der Prozess, dass Sport immer mehr zum Marionettentheater von Politik und Wirtschaft wird, fortsetzen.

Ausweg aus der Sackgasse?
Mut zur Eigenverantwortung. Bei den Sportsystemen im Großen, bei Betreuern und Athleten im Kleinen. Wenn der Fokus wieder mehr auf der Frage liegt „Warum ist Sport abseits von Show und Entertainment wichtig für unsere Gesellschaft?“, ändern sich die Einstellungen und öffnet sich der Blick über den Tellerrand kurzfristiger Erfolge hinaus.

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