PRÄSENZ 1: SICH AUCH SELBST MITZUNEHMEN, WENN´S ZÄHLT

Das Spielsystem, die Unform der Schlüsselspieler, die Nervosität, das Passspiel, das Quartier, die Routine, das Pech, das Glück, der Zufall. Im Grunde hat Teamchef-Österreich schon alles zum frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft gesagt. Auf eine wichtige Frage ist mir noch keine Antwort untergekommen: Was hat Island, was wir nicht hatten?

Um es vorweg zu sagen: Ich kann bei Fußball, Viererkette, offensivem Zehner, usw. fachlich nicht so wirklich mitreden – dafür gibt es eine Menge Berufenere als mich. Warum ich mich dem Thema dennoch widme? Ich war einmal eine Zeitlang Spitzensportler, Teilnehmer bei Großereignissen, und die haben bekanntlich ihre eigenen Gesetze.
 Beispielsweise kann es passieren, dass man als Athlet zu einem Großereignis reist, nichts reißt – und erst hinterher daheim draufkommt, dass man sich selber gar nicht zum Event mitgenommen hatte. Bei mir sind auf diese Weise zwei Olympische Spiele ins Land gezogen, bis ich zum ersten Mal auch Medaillen mit nachhause brachte.
 Schon klar: All die Erklärungsversuche, die nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft von den Spielern selbst, von Betreuern, Experten, Medien und Fans ins Treffen geführt worden sind, sie werden alle etwas für sich haben. All die Argumente sind Fragmente, aber kein ganzes Bild. Nachdem ich öfters darauf angesprochen werde, woran es gelegen hat – das Augenfälligste für mich war: Ich habe schon bei den Testspielen, unmittelbar vor und dann bei der EM selbst eines vermisst – Präsenz.

Sie zu halten, auch im allergrößten Umgebungslärm, ist aus meiner Erfahrung das Schwierigste bei einem Großereignis. Sie erfordert mehr spezifisches Training (quasi inneres Haltungsturnen zur Fokussierung) als jede Sportart. Präsenz bedeutet, gleichzeitig vollkommen im Moment und in Kontakt mit sich selbst zu sein. Anders sind Spitzenleistungen unmöglich – nicht nur im Sport, auch in der Wirtschaft. Deshalb ist auch in unseren Trainingsprogrammen mit Unternehmen die Präsenz Führungsthema Nr. 1. Weil sie der Schlüssel dafür ist, das eigene Potential im richtigen Moment auf den Boden – oder auf den Rasen – zu bringen.
 So sehr diese Präsenz jedes einzelnen und somit des gesamten Teams in der Quali spürbar war, so sehr war spätestens bei den Interviews unmittelbar vor der EM klar: Die Präsenz als Basis für Entschlossenheit ist, aus welchen Gründen auch immer, weg! Zwar wurde von Vorfreude geredet – die Botschaft, die ankam, war aber Unsicherheit. Echte Vorfreude spricht ja nicht mit brüchiger Stimme durch einen trockenen Mund – das passiert nur, wenn das, was ein Athlet wirklich denkt und fühlt nicht mit dem übereinstimmt, was er sagt und tut. Diese Inkongruenzen verwirren nach und nach und schwächen. Viel Kopf, wenig Herz: das ist die typische Stressreaktion auf mentale Überforderung, die unterdrückt wird, weil Sportler mitunter dazu erzogen werden, das zu sagen, was gefällig erscheint und nicht das, was Sache ist.

Wenn Angst keinen Raum bekommt, dann wächst sie. Was die Analytiker dann über Passspiel-Präzision, Zweikampfverhalten und so weiter gesagt haben, das war nur die logische Konsequenz von mangelnder Präsenz. Niemand, der verunsichert ist, hat Zugriff auf sein Potential, wesentlich komplizierter ist die innere Struktur der vielzitierten Formkrise nicht.
 Wenn die richtigen Lehren daraus gezogen werden, dann war die EM für viele bestimmt eine der wichtigsten Lernerfahrungen ihrer Karriere. Schulfernsehen in Sachen Präsenz sind die Isländer – die Rolemodels schlechthin, was der Unterschied zwischen „mit begeistertem Herzen dabei“ und „mit dem Kopf woanders“ ist. Das Team von Island hat in jedem Spiel gezeigt: Keine Statistik und kein Dogma zum Thema „Was im Fußball erfolgreich macht“ schlägt ein echtes Athletes Mindset und wahren Teamspirit. Sie haben, was uns gefehlt hat: Präsenz. Sie leben das Prinzip, dass ein Team nur dann erfolgreich sein kann, wenn aus nebeneinander miteinander und aus miteinander füreinander wird. So spielen sie. So gewinnen sie. So leben sie, was sie tun.
 Während anderswo über das magische Denken der Isländer mit ihren Zwergen, Trollen und Elfen gewitzelt wird und ihr energetisches „Huh!“-Ritual, mit dem sie das Team jedes Mal pushen, noch für einen Gag gehalten wird, zeigt uns dieses Team auf einem völlig anderen Bewusstseinslevel, wie Fokus und Glaube Berge versetzen kann. Das imponiert mir.

Ich hatte in meiner Zeit als Sportler viele Trainingslager erlebt, jenem in Island 2004 gebührt bis heute das Prädikat – alles außer gewöhnlich. Langlauftraining am Myrdalsjökull, einem Vulkankrater, der zwar nur alle 100 Jahre ausbricht, laut unserem einheimischen Scout konnte es aber jederzeit so weit sein. Seine Worte damals: „Die Lava braucht drei Stunden durchs Eis, in der Zeit haben wir euch evakuiert – versprochen“. Egal, wie lange es für Bjarnason, Gudmundsson, Sigurjonsson, Sigthorsson in Frankreich noch weitergeht – sie werden als große Söhne in ihre kleine Heimat zurückkehren und Vorbild für gelebte Präsenz und Echtheit bleiben.

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