OLYMPIA-MINDSET FÜR ALLE: „DA SEIN IST ALLES!“

(Bild: Christine Höflehner)

 

5 Ringe, 4 Jahre, 3 Medaillen, 2 Möglichkeiten und 1 Grundsatz, wenn es wieder ernst wird beim Olympischen Spielen (oder anderen Big Events im Leben mit Hopp- oder Dropp-Charakter): „In der (eigenen!) Mitte liegt die Kraft!“ Sagt sich leicht, wenn alle Welt von Medaillen redet und zuschaut, ob man sie auch gewinnt oder nicht. Umso mehr: Wer es schafft, auf der Weltbühne des Sports mitten im Hype des Außergewöhnlichen die Normalität aufrecht zu erhalten, hat die besten Erfolgschancen. Das Olympia-Mindset für alle: „Da sein ist alles!“ Ein kleiner Mental-Guide für große Ereignisse und entscheidende Momente.

Ha! Besser hätte es ja für meine Vorbereitung auf diesen Blog vor Eröffnung der Olympischen Spiele in Pyeongchang kaum laufen können. Vor wenigen Tagen kam die Information, dass mein Blog in Deutschland als „Sportblog des Jahres“ ausgezeichnet wurde! Ich freue mich sehr über diese Anerkennung, weil ich mir wirklich immer viel Mühe gebe, spüre einen euphorisch-aufgeregten Impuls „gleich noch eines draufsetzen zu wollen“. Und merke: Mir fällt das Schreiben plötzlich schwerer, als sonst. Warum nur!?

 „Gut gemeint“ ist oft das Gegenteil von „gut“ – und Großereignisse aller Art sind, ich sollte es eigentlich wissen, sowieso die unpassendste aller Gelegenheiten für Extrawürstln.

Lektion #1 - Gold: „Bleib bei dir!“ Je mehr Euphorie, Aufregung, Drama und Projektionen um dich herum herrschen (bei Olympia kippt es planmäßig ins Obskure!), desto wichtiger, deine Standleitung nach innen intakt und möglichst „störungsfrei“ zu halten. Wie!? Die Augen schließen, tiefe Atemzüge nehmen, die Aufmerksamkeit auf den eigenen inneren Dialog lenken! Oft kreisen unsere Gedanken, ohne dass es uns bewusst wird, um Vergangenes oder Zukünftiges. Diese „geistigen Luftmaschen“ binden Energie und kosten mental an Spannkraft und Fokus. Ist mir bei meinen beiden ersten Olympia-Teilnahmen auch so ergangen: 1994 in Lillehammer hatte ich zwar acht Jeans, aber mich selbst mental nicht mit im Gepäck in Norwegen und war zu überwältigt vom Drumherum. Eine Olympiade später, 1998 in Nagano, war uns zu wichtig, nicht im Olympischen Dorf zu wohnen, mit dem Effekt, viel vom Olympischen Geist und Medaillen verpasst zu haben. Die Olympia-Bilanz meiner Schwester sorgte nach der Nullrunde für befreiende Heiterkeit: „Felix, der Hermann Maier ist weiter g´flogen, als du gesprungen bist.“

Lektion #2 - Silber: „Mach´s wie immer!“ Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Neujahr – und im Sportlerleben: Olympische Spiele sind deshalb so besondere Anlässe, weil sie nicht jede Woche im Kalender stehen. So weit logisch! Nur alle 4 Jahre nur eine bis höchstens drei, vier Medaillen-Chancen: Wenn zu dieser Verknappung Plattitüden à la „Schicksalsbewerb einer ganzen Karriere“, „Rennen deines Lebens“ kommen (analog privat, wenn das Großereignis Hochzeit „der schönste Tag im Leben“ zu werden hat) – VORSICHT: Da geht der Puls schon rauf, wo er noch gar nicht raufgehen soll! Erwartungshaltung führt bekanntlich leicht zu Haltungsschäden...

Olympia-TeilnehmerInnen haben pro Olympiade (Zeitraum zwischen zwei Olympia-Teilnahmen) ca. 1.457 Tage Zeit für Vorbereitung und Training. Nur einen minimalen Bruchteil davon verbringen sie dann im Olympischen Wettbewerb. Besser also, diesen nicht noch extra bis zur Atemlosigkeit zu highlighten, sondern das Gegenteil zu tun: „Ich mach das, was ich immer mache!“ Nach dem Motto: Wenn ich etwas 1.457 Mal geübt habe, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, es auch beim 1.458 Mal hinzukriegen. Ist mir erstmals 2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City (3. Olympia-Teilnahme – 3 Bewerbe – 3 Mal Bronze!) gelungen. Damals war ich so schlau, um das Österreich-Haus und die dort herrschende unermüdliche Skikurs-Gaudi einen weiten Bogen zu machen. Mein erstes Schnitzel und Bier genehmigte ich mir dann erst nach Bronzemedaille Nr. 3, Franz Klammer wies mich an diesem Abend in die Olympia-Farbpsychologie ein: „Gratuliere, Felix! Weißt eh: Zählen tut die Goldene!“ Seinen Tipp beherzigte ich schließlich in Turin 2006 (Gold im Einzel und Team, plus Einzel-Silber) und 2010 in Vancouver (Team-Gold). Jedes Mal, indem ich am entscheidenden Tag X nichts anderes (und schon gar nichts Besonderes!!!) machte im Vergleich zu all den Trainingstagen davor.

Lektion #3 - Bronze: „Genieß den Weg!“ Schon richtig: Zweitbester Bewerber für einen Job oder zweitbester Anbieter für einen Auftrag zu sein, fällt auch im Berufsleben in die Kategorie „knapp vorbei ist auch daneben“. So funktioniert das Spiel, deshalb ist, gerade bezogen auf Olympia, auch wichtig, dass es sich um Olympische Spiele (nicht um Olympische Krämpfe!) handelt; oft geht die Relativität der Dinge in der medialen Betrachtung ja etwas verloren. Wie viele Menschen schaffen es, dort einmal in ihrem Leben teilzunehmen und ihr Land zu vertreten!? Eben. Der Weg ist das Ziel – ihn zu gehen schon einmal etwas Besonderes. Seit kurzem können Olympia-Teilnehmer sogar offiziell ein Kürzel hinter ihrem Namen (ähnlich wie einen akademischen Grad) führen, das sie als solche ausweist. Für alle, die sich selbst das größtmögliche Ziel im Sport, OlympiasiegerIn zu werden, setzen: So wichtig die klare Zielsetzung ist, so wichtig ist auch, dass einem das eigene große Ziel dann unterwegs nicht im Weg steht. AthletInnen, die auch und gerade am Tag X der Qualität ihres Weges vertrauen, die einfach ihr Bestes geben und nicht im außergewöhnlichen Augenblick Außergewöhnliches versuchen, haben die größeren Chancen, es zu erreichen.

Bei Olympia und bei allen Big Events des Lebens gilt: Präsenz gewinnt, der intensive Kontakt zu sich selbst und den eigenen Bedürfnissen, egal wie die äußeren Umstände sind, entscheidet in entscheidenden Situationen. Mit anderen Worten: „Da – in diesem Augenblick – sein ist alles!“

In diesem Sinne unserem Olympiateam in Pyeongchang für jeden Moment X, auf den sich die AthletInnen vorbereitet haben, alles Gute. Mögen die und unsere eigenen Spiele gelingen. :-)

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